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"Eine Geschichte über ein Mädchen"

Bin ich ein Wirtschaftsflüchtling? Kann schon sein. Jedenfalls bin ich vor einiger Zeit aus dem Erzgebirge in meine neue Heimat übergesiedelt, nach Raboldshausen. Das liegt natürlich im Westen, da, wo es nicht normal ist, keine Arbeit zu haben.

Ich hatte mich dort bei Arbeitgebern beworben, die Aufstiegschancen und ein interessantes Tätigungsfeld versprachen. Ich absolvierte meine Bewerbungsgespräche mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Aber einen dieser Termine werde ich wohl nie vergessen - nicht weil mir irgendetwas besonders Peinliches passiert ist oder weil der Chef mir gleich seinen Dienstwagen angeboten hätte. Der Grund ist - wie sollte es anders sein - eine Frau.

Ich kam morgens gegen 10 Uhr bei der Firma an. Der Firmensitz war früher ein Bauernhof gewesen, mit Wohngebäude, Scheune und Freifläche. Ich ging zum Eingang des vermeintlichen Wohngebäudes und klingelte. Nach wenigen Augenblicken öffnete sich die Tür - und ich hatte eine Erscheinung. Da stand eines der schönsten Mädchen im Türrahmen, das ich je gesehen habe.

Die nächsten Sekunden vergingen wie in Zeitlupe. Der Luftzug, der beim Öffnen der Tür entstanden war, fächelte ihr das Haar aus der Stirn und setzte es über der Schulter in Bewegung. Hinter ihr, am Ende des Flurs, war ein Fenster. Da schien die Sonne herein und verlieh dem hübschen Kopf so etwas wie einen Heiligenschein. Mein Mund wurde schlagartig trocken und ich spürte Angst, ich könnte etwas Dummes sagen. Sie merkte es wohl und half mir, indem sie lächelnd selbst das erste Wort sagte: "Hallo, Sie wünschen?"

Das "Sie" zerstörte die Zeitlupe augenblicklich. So, wie ihr Haar sich legte, legte sich meine erste Überraschung. Was hieß da "Sie"? War ich denn schon so alt? Sie hätte einfach "Du" sagen können, schließlich konnte ich nur wenig älter sein als sie. Ich siezte nun natürlich zurück und teilte ihr mit, dass ich der bestellte Bewerber sei. Das Bewerbungsgespräch verlief für alle Seiten erfolgreich. Ich arbeite heute für diese Firma.

Hin und wieder sehe ich sie noch, die Schöne dieses Morgens, und dann denke ich lebhaft an den ersten Moment des Entzückens. Oft werde ich auch daran erinnert, wenn ich die Lastkraftwagen mit dem Logo eines großen Logistikunternehmens sehe.

Auf den LKW ist eine Frau abgebildet, die meiner Kollegin ähnlich sieht. Sie hält siegessicher eine Fahne in der Hand und trägt am Gürtel einen PDA. Die Bildbeschreibung könnte lauten: "Frauen, rächt euch! Die Adressen der Mistkerle habe ich in meinem PDA."

Meiner Kollegin habe ich das "Sie" inzwischen verziehen.

Anmerkung: Dieser Teil wurde von der betreffenden Person gelesen und genehmigt.

Veröffentlicht: 02.08.2007 ~ Marek
Ort des Geschehens: Neuenstein (Hessen)
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